Lecture

Technojazz und Computer-Fiktion

Veranstaltungen

Mi 06. Dezember 2000, 20:00 bis 01:00, Zürich
Mi 20. Dezember 2000, 20:00 bis 01:00, bern

Elektronische Musik & literarische Fiktion Alphatronic, Axodya and Taurus meet Risknet Emil Zopfi liest, Marco Repetto, Daniel Wihler und Bruno Spoerri spielen

Zwei junge Musiker der heutigen Techno-Generation, ein Pionier der elektronischen Musik der Sechzigerjahre und ein Schriftsteller, der die Computerrevolution seit dreissig Jahren kritisch begleitet - eine Kombination von Musik und Texten, die einen spannenden Abend verspricht. Gleichzeitig die erste Präsentation der von den drei Musikern in diesem Jahr erarbeiteten CD.


Zur Lesung:
«Londons letzter Gast» ist die Vision einer technologischen Katastrophe, die die Computernetze und die Stromversorgung in der Londoner City lahmlegt. Alex Adank, Computerspezialist von RiskNet, taucht in den Londoner Untergrund und versucht zu retten, was zu retten ist - am Ende nur noch seine eigene Haut. Gewohnt, die Welt als Cyberspace, als Simulation auf Bildschirmen warhzunehmen, kann er zwischen Wahrheit und Wahn nicht mehr unterscheiden, wenn ihm die Datensätze fehlen. Einen Ausweg zeigt für einmal nicht die Zukunft, sondern die Geschichte in Gestalt eines «Ripperologen», der die unterirdischen Röhrensysteme der Stadt erforscht.

Auszug aus: Emil Zopfi, «Londons letzter Gast», Limmat Verlag, Zürich 1999

Endlos winden sich Wendeltreppen in die Tiefe, ihre Schritte singen auf Metallstufen. Nottreppe, Notlicht, Notausgang. Videokameras und IdentityCard-Leser sind off line, die Schleusen nur von Hand zu öffnen. Ein blaugrau uniformierter Hausdiener steigt voraus, das Klimpern seines Schlüsselbundes am Gürtel hallt rhythmisch durch die Schächte. Hinter ihnen folgt ein Wachmann mit Kugelweste und Pistole am Halfter. Misstrauen ist der Grundpfeiler der Versicherung.
Endlich, ComCenter, der Bunker, das Gehirn, das Allerheiligste, betreten im Normalfall zu zweit, jeder mit IdentityCard und Passwort. Doch jetzt ist Ernstfall. Die Begleiter öffnen Schleusentore und Panzertüren, ein Schacht führt schräg in die Tiefe und durch eine weitere Schleuse in den Computerraum. Kahler Beton, grau gestrichen, doppelte Böden. An den Wänden liegen Kabel lose auf Metallträgern, Leitungsbündel, Glasfaserstränge, Stromschienen. Drähte quellen aus Stahlrohren, verzweigen sich, zerfasern, verdichten und verknoten sich wieder, verschwinden in Mauerschlitzen. RiskNet real.
Zwei Sessel mit Rollen, ein Tisch. Goodrich hockt auf die Kante, lässt ein Bein baumeln. «Da wären wir also. Und nun?»
Hinter Goodrich flackern an einer Apparatefront Signallampen, Leuchtdioden, glimmende Punkte im Takt. Das Kommunikationsinterface, ein irres, flirrendes Spiel. Ziffern zeigen Taktfrequenzen, Übertragungsraten, Zugriffszeiten, Kanalnummern. Eine kryptische Welt, das Tor zum Cyberspace.
«Ein paar Dinge scheinen noch zu funktionieren», stellt Alex erleichtert fest, nach einem Blick über die Batterien von Computern, die den Raum ausfüllen, generationenweise zusammengepackt, schwarz, grau oder blau die Gehäuse.
«Versuchen Sie es nochmals mit Ihrem ComBook, Ahmed.» Der Bengale zuckt die Schultern, reisst eine Schranktür auf, fingert mit in den Kabelsträngen, greift nach einer Steckerkupplung, zieht sie aus, bückt sich und steckt sie in ein graues Kästchen unter dem Tisch. Dann beobachtet er die Leuchtdioden auf einem Panel, die aufgeregt zu pulsieren beginnen. «Okay», seufzt er dann, kratzt sich zwischen den Beinen. «Wenn Sie meinen.»
«Verbunden?» fragt Alex.
«Yes, Sir.» Ahmed zieht seinen Kopf aus dem Kabelgewirr zurück, streicht mit beiden Händen seine ölig glänzenden Haare glatt. «Dann lassen Sie mal ein Rauchzeichen auf Internet steigen», murmelt Goodrich mit einem Seitenblick auf die Wächter, die sich neben der Panzertür aufgepflanzt haben wie Salzsäulen. Sie begreifen nicht, dass die Verbindung ins Internet verboten ist ohne Firewall, der das ComCenter gegen Viren, Trojanische Pferde, logische Bomben und Hackerangriffe abschirmt. Ein unverantwortbares Risiko eigentlich. Doch vielleicht die letzte Rettung. Ahmed tippt sein Passwort.
Goodrich versenkt die Hände in den Jackentaschen, lässt sein Bein wieder baumeln. Alex blickt gespannt auf den Schirm des ComBook. Connection. Die Lämpchen und Leuchtdioden beginnen zu tanzen, die Ziffern, die den Datentransfer anzeigen, zählen hoch, fünf, zehn, zwanzig, dreissig Kilobyte, der Bus rauscht ab, vollgepackt mit Daten. Eine Meldung: Welcome to RiskNet. Goodrich seufzt erleichtert, macht die Faust mit dem Daumen nach oben.
Ahmed schaltet einen grossen Bildschirm ein, sie starren auf die schwarze Fläche, drei gebannte Gesichter im Spiegel, auf dem plötzlich ein roter Punkt leuchtet, nach rechts tröpfelt und langsam zu einer Linie wächst, Kurven zieht, sich zu einer Ellipse schliesst aus der grüne und blaue Äste spriessen, die sich in Zeitlupe zu netzartigen Texturen verweben. Die drei Layers der RiskNet-Topologie:
Satellitenlink, Glasfaserlink, Richtstrahllink, mit den Knoten Bangalore, Seattle, Zürich, Nowosibirsk, Kyoto, Sidney, Sao Paulo ... In der Mitte ein Fleck, ein schwarzes Loch.
«Alles klar», murmelt Goodrich, sein Atem fliegt vor Erregung.
«Alles klar», echot Ahmed, stellt das Bild schärfer ein.
«Nichts ist klar.»
«London gibt's nicht mehr.»

Ausserdem
Gewinner

Cod.Act

Cod.Act gewannen im September den Grand Prix Schweizer Musik 2019. Mit ihren kynetischen Klangskulpturen und algorithmischen Kompositionen verwischen sie die Grenzen zwischen Medienkunst, Performance und Musik.

Diskussion

Heritage in Peril

Wie kann Technologie genutzt werden um Kulturerbe zu erhalten? Eine Veranstaltung von Swissnex in New York.

Artist Talk

50 Jahre Mondlandung

Was hat die Geschichte der Raumfahrt mit der Geschichte der elektronischen Musik zu tun? - Der Weltraumjournalist Bruno Stanek und der Synthesizer-Pionier Bruno Spoerri erinnern sich.