Lecture

Sehnsucht Internet

Artist / Referent

Gabriele Farke

Veranstaltungen

Mi 22. April 1998, 18:30 bis 01:00, Zürich

Sucht und Sehnsucht - Liebe und Leid Die Autorin signiert das soeben erschienene gleichnamige Buch (Smartbooks-Verlag).

Die Autorin Gaby Farke (Lippstadt, Deutschland) beschreibt in ihrem ersten Buch das Leben einer jungen Frau, die zufällig auf das neue Medium Internet aufmerksam wird und fasziniert in die Welt der modernen Kommunikation eintaucht. Während ihrer Streifzüge durch die Netzwelt stösst sie schnell auf die Möglichkeiten der Diskussionsgruppen und wird auf das sogenannte "chatten" (deutsch plaudern) aufmerksam.

Ihre Aufmerksamkeit wird bald von einem Mann aus Köln gefangen genommen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine eigentliche online-Romanze in der tief verborgene Sehnsüchte und geheime Träume online ausgesprochen werden. Währenddem aber Gaby diese virtuelle Erfahrung auch in die reale Welt übertragen möchte, wehrt sich ihr Traumpartner gegen alle Versuche, sie wirklich kennzulernen.

Der Romanerstling von Gaby Farke beruht weitgehend auf den eigenen, verwirrenden Erfahrungen. In der Begegnung mit der Autorin soll es darum auch weniger um ihr Buch als um die Erfahrungen gehen, die zu dieser Publikation geführt und die bis dahin unbekannte Frau plötzlich ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gebracht haben.

Gabriele Farkes Buch "Sehnsucht Internet. Sucht und Sehnsucht, Liebe und Leid. " ist im Kilchberger Smartbooks Verlag erschienen und kostet 28 Franken. Die Neuerscheinung trägt den Untertitel "Ein intimer Internetkurs mit Gaby (surfen, chatten, mailen).Das Buch ist nämlich nicht nur eine Art Protokoll der virtuellen und tatsächlichen Begegnungen der Autorin, sondern eine einfache Einführung ins Internet. Zudem hat die Autorin für die wichtigsten Sachbegriffe ein kleines Wörterbuch beigefügt.


Was ist Chatten?
Wörtlich übersetzt heisst "chatten" nichts anders als plaudern. Und genau darum geht es auch beim Chat im Internet. Es braucht dazu eine einfache Zusatzsoftware, die man sich gratis übers Internet besorgen kann. Danach hat man Zugang zu Tausenden von Chat-Gruppen zu den unterschiedlichsten Themen aus Wissenschaft, Kultur, Lebenshilfe oder Unterhaltung. Wer beim Chatten mitmacht, muss seine wahre Identität nicht preisgeben. Er trägt in der Regel ein Pseudonym. Sehr beliebt ist es auch, in eine andere Geschlechterrolle zu schlüpfen. Geplaudert wird dann via Tastatur und Bildschirm. Bei einem Chat können mehrere Personen dabei sein. Wer mit einer Person allein plaudern will, kann jederzeit in einen "Privatraum" ausweichen.



Interview mit Dominik Landwehr
Mit Technik und Computer hatte die 42jährige deutsche Gabriele Farke bislang nichts am Hut. Vor zwei Jahren lernte sie das Internet kennen. Jetzt ist alles anders.

Eigentlich bin ich eine ganz normale gewöhnliche Person", meint Gabriele Farke bei unserem Treffen. "Mein Leben verlief bisher in normalen Bahnen, wenn auch nicht immer so, wie ich es gerne gehabt hätte". Romantik und Liebe sind zwei Bereiche, die in ihrem Leben bisher wohl zu kurz kamen, sagt sie nicht ohne ein sehnsüchtiges Lächeln. "Als alleinerziehende Mutter musste ich meine eigenen Wünsche oft zurückstecken". Tochter Regina ist in diesen Tagen gerade 20 geworden, "wir stecken mitten im Abnabelungsprozess", sagt Gabriele Farke. Bis vor kurzem hatte die Autorin eine Stelle als kaufmännische Sachbearbeiterin an einem deutschen Universitätsinstitut, schob oft Überstunden, arbeitete an Wochenenden - Zeit für sich selber und ihre Wünsche gab's da kaum.

Bis vor kurzem, ...denn plötzlich ist alles anders geworden. Angefangen hat es ganz harmlos. Tochter Regina kam eines Abends mit einer CD ROM heim, die sie der Mutter in die Hand drückte. Darauf befand sich die Zugangssoftware zu einem Internet-Dienst. Gabriele Farke probierte es im Büro aus - zuhause gab's damals noch keinen PC - und blieb gleich beim Chat (siehe Kasten) hängen. Da plauderten Leute, die sich noch nie begegnet waren. Darunter auch ein Peter, mit dem sich ein Gespräch entwickelte, das bald den Rahmen des Unverbindlichen sprengte. "Du bist die netteste Abwechslung, seitdem ich im Internet bin", schrieb er ihr. Gabriele Farke, die sich unter dem Decknamen "Hexenkuss" angemeldet hatte, flötete zurück: "ich erröte und nehme dich in die Arme, ... woher kommst du, Peter".

Die Gespräche mit Peter wurden zahlreicher und intensiver - und bald war klar: die beiden waren ineinander verliebt. Zumindest schien es so. Denn als die Frage nach einem Treffen ausserhalb des Cyberspace aufkam, da verstummte der Angebetete. Andere, überraschende Bekanntschaften ergaben sich. Ein hoher Beamter lud sie gar zu einem romantischen Wochenende ein. Das Tête à Tête fand statt, aber das Weekend entpuppte sich für die beiden als Fiasko.

Trotzdem bleibt Gabriele Farke dem Internet treu. Denn Romantik und Liebe ist für sie nur ein Teil ihres Online-Lebens. "Ich treffe mich zum Beispiel regelmässig an einem Juristen-Stammtisch im Internet und da wird dann einfach ausführlich gequasselt und geblödelt." Dann findet sie aber auch immer wieder Menschen, die in einer schwierigen Lebenssituation sind. "Ein Mann erzählte mir vom Leben mit seinem behinderten Kind. Ich konnte ihm helfen, eine Selbsthilfegruppe für Menschen zu finden, die in einer ähnlichen Situation war."

Arbeitskollegen und Freunde reagierten verstört auf die Internet-Leidenschaft von Gabriele Farke. Um ihre Erfahrungen zu verarbeiten, beschloss sie, ein Buch zu schreiben. Das tun zwar viele - aber sie fand auch bald einen Verleger für ihr Werk Nun liegt das Buch gedruckt vor (siehe Kasten). Seitdem ist der Teufel los: die Medien rennen der frischgebackenen Autorin fast die Türen ein und fragen nach Interviews. Fernseh-Talkshows nehmen zu ihr Kontakt auf, sie wird zum Signieren in Buchhandlungen eingeladen.

Die Autorin geniesst den Rummel sichtlich. Ihr neues Leben hat sich auch auf die Beziehung zu ihrer 20jährigen Tochter Regina ausgewirkt: "Als sie das Buch zum ersten Mal gelesen hatte, war es ihr peinlich". Dann kam der Erfolg:"Heute ist sie stolz auf mich". Wie geht es weiter? - Für Gabriele Farke ist der Fall sonnenklar: "Ich will weiterschreiben" Ein neues Manuskript liegt bereits auf dem Tisch, Verhandlungen über eine Publikation laufen. Zeit für andere Arbeit bleibt da zur Zeit kaum. Ihr Wunsch ist aber klar: "Ich möchte mich auch beruflich aufs Internet ausrichten".

Dominik Landwehr





Sehnsucht Internet, G.Farkeist [SmartBooks,1998]

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