Lecture

Virtuelle Realität und 3D-Anwendungen im 21.Jahrhundert

Artist / Referent

Nadia Magnenat-Thalmann

Veranstaltungen

Mo 05. Juni 2000, 20:00 bis 01:00, Zürich
Do 06. Juli 2000, 20:00 bis 01:00, bern

Mit Vorführung der prämierten Filme des Festivals für Computeranimations-Filme, Genf. 18.00 – 19.30 Uhr Retrospektive: 10 Jahre Computeranimations-Filme

Computer Animation Film Festival
Seit 1988 wird in Genf ein jährliches Festival für Computer Animations Filme durchgeführt. Initiantin dieses Festivals ist die Franco-Kanadierin Nadia Thalmann, die das Miralab an der Universität Genf leitet.
Hinter dem Kürzel "Miralab" verbirgt sich keine Gruppe von Künstlern, sondern das Forschungslabor der Computerwissenschafterin Nadia Thalmann an der Universität Genf. Das "Miralab" tritt mit dem Motto an "Where research means creativity" (Wo Forschung Kreativität bedeutet) und hat sich seit seiner Gründung 1989 einen Namen gemacht mit originellen Simulationen und Animationen von Bewegungen. Grosses Aufsehen erregte etwa die Installation "Virtual Marylin": Hier konnte der Besucher buchstäblich in die Haut dieser Hollywood-Ikone schlüpfen.

Das Genfer Festival für Computer Animation ist teil eines Kongresses, den das Miralab in Zusammenarbeit mit der The Computer Graphics Society (CGS) and the IEEE Computer Society durchführt. Währenddem sich der Kongress an Computerspezialisten richtet, sucht das Festival nach einem breiten Publikum ausserhalb der Forschung.




Programm:

18.00 - 19.00 Oldies but Goodies - 10 Jahre Computer Animation Film Festival Genf

20.00 - 20.45 Prof. Nadia Thalmann - Leiterin des Miralab und Schöpferin des Festivals Virtuelle Realität und 3D-Anwendungen im 21.Jahrhundert

21.00 - 22.00 Die preisgekrönten Filme des Computer Animation Film Festivals



Künstliche Menschen sind bald Wirklichkeit
Interview anlässlich Cyborgfrictions


Die Medien sehen Sie manchmal als "Madame Frankenstein". Wollen Sie wirklich virtuelle Menschen schaffen?

(Nadia Thalmann):Ich verstehe mich als Wissenschafterin. Wir wollen verstehen, wie der Mensch funktioniert und darum simulieren wir ihn, bilden ihn nach. Eine Simulation ist notgedrungen immer ein Modell, also die Reduktion der Komplexität. Was machte eigentlich Leonardo da Vinci anders: Auch er versucht zu verstehen, wie der Mensch gebaut ist.

Sie sprechen hier nur über die physikalische Ebene

Nein, wir verbinden drei verschiedene Gebiete: Geometrie, Physik und Verhalten. Mein Traum wäre einen künstlichen Menschen zu schaffen, der aber nicht wie ein Roboter aussieht, sondern wie ein schönes, anmutiges menschliches Wesen. Das ist mir sehr wichtig. Ich mag keine Roboter. Der künstliche Mensch muss auch ästhetisch schön sein. Ich verstehe mich in dieser Beziehung auch als Künstlerin. Ich möchte meinen Schöpfungen Leben einhauchen.

...und diese künstlichen Menschen sollten bald mehr sein als nur wissenschaftliche Modelle?

Oh ja: Sie werden unsere Gesellschaft leiten, wir werden mit ihnen spielen können und sie werden mithelfen, unsere Einsamkeit zu überwinden. Mediziner werden mit solchen künstlichen Menschen Operationen üben, Architekten können ihre Modellhäuser damit bevölkern, das sind alles sehr nützliche Dinge.

Ihrer Ideen klingen sehr provokativ. Welche Reaktionen erleben Sie?

Wir haben mit unseren Schöpfungen schon anfangs der 80er Jahre angefangen. Damals dachten die Leute schon, wir seien verrückt. Wir entwickelten erste Visionen. Das sah damals natürlich noch nicht besonders eindrücklich aus. Aber wir haben immer daran geglaubt und unsere Ideen weiterentwickelt. Damit sind wir heute auch akzeptiert. Die Technik der 90er Jahre ist auch viel weiter und ermöglicht uns Dinge, die früher undenkbar waren. Dass wir heute viel besser akzeptiert werden, hängt auch mit der Entwicklung der Unterhaltungsindustrie zusammen. Schauen Sie, Steven Spielberg hat mit seinem Film "Jurassic Parc" bewiesen, dass sich Tiere, in diesem Fall Dinosaurier, mit dem Computer simulieren lassen. Das hat uns viel geholfen.

Es ist klar, dass die Unterhaltungsindustrie ein grosses Interesse an diesen Technologien hat, die Sie mithelfen zu entwickeln. Welche Einstellung haben Sie zu dieser Industrie?

Ich werde tatsächlich immer wieder von Vertretern dieser Branche kontaktiert. Auch die Leute von Disney waren schon bei mir. Ich habe ihnen schon vor vielen Jahren gesagt: Ich mag keine Zeichentrickfilme und forderte sie auf, stattdessen mit virtuellen Schauspielern zu experimentieren. Die Disney-Leute - übrigens waren das zum Teil ehemalige Studenten von mir - fanden das damals total unrealistisch. Heute ist das sicher anders und die Disney-Filme haben heute einen ganz anderen Realismus als früher. Denken Sie zum Beispiel an den Film "Toy Story".

Die Einwände der Disney-Leute sind durchaus nachvollziehbar: Ihre Schöpfung, die Marylin Monroe, bewegt sich ja noch recht ungelenk auf dem Bildschirm.

Sehen Sie, im Moment ist das eine reine Geldfrage: Im Film "Titanic" waren insgesamt 10 Minuten mit dem Computer gemacht. Allein für diese zehn Minuten hat der Produzent 60 Million Dollar ausgegeben. Dieser Teil des Films wurde Bild für Bild, Pixel für Pixel nachbearbeitet. Wir haben nicht derart grosse Ressourcen und darum sieht es bei uns auch etwas anders aus. Aber ich bin überzeugt: Eines Tages werden künstliche Schauspieler eine Realität sein.

Sie arbeiten im Moment an verschiedenen Projekten: Dazu gehört unter anderem die Animation der chinesischen Terracotta Armee, dazu gehören Projekte im Bereich künstliche Kleider usf. - welches ist für Sie das wichtigste Projekt?

Es gibt keine wichtigen und weniger wichtigen Projekte. Ich arbeite immer gleichzeitig an mehreren Sachen, die alle gleich wichtig sind. Wir versuchen heute immer mehr reale und künstliche Menschen zu mischen - wir möchten, dass reale Menschen mit virtuellen Geschöpfen in Interaktion treten. Und statt akademischen Papers machen wir halt Vorführungen, die oft eigentliche Shows sind. Ein solches Projekt ist "Flashback to the Future". Hier werden Leute geklont und können gleichzeitig in zwei verschiedenen Welten leben: Im Jahr 1602 und in der Zukunft, aber in Real Time.

Also ein Art Computergame?

Persönlich mag ich Computerspiele nicht. Die heutigen Computerspiele ermöglichen uns keine wirklich neuen Erfahrungen. Aber sie haben schon recht: Unsere Shows sind eine Art von Computerspiel der Zukunft. Ich würde es wunderbar finden, wenn man dank diesen Einrichtungen in Zukunft wirklich neue Erfahrungen machen könnte - zum Beispiel eine Reise in die Vergangenheit unternehmen kann, Welten besuchen, die man nicht kennt. Hier stehen wir erst am Anfang - ich bin aber überzeugt, dass in diesem Gebiet eine gewaltige Entwicklung passieren wird.

Sie arbeiten sehr interdisziplinär - und sind das auch von Ihrem Background her, mit Studien in Psychologie, Mathematik und Biochemie. Was sind Sie für eine Person?

Ich bin einfach wahnsinnig neugierig. Das war immer schon so. Ich will meine Zeit kreativ verbringen. Ich mag die Visionen aus Literatur und bildender Kunst und verstehe mich selber irgendwie mehr als Künstlerin, denn als Wissenschaftlerin.

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