Der MAHLE X20 ist ein Hinterradnabenantrieb, der sein Verhalten per Software definiert. Nicht das Getriebe entscheidet, wie sich das Rad anfühlt, sondern eine Kennlinie in einer Smartphone-App. Nach 1.320 Kilometern auf einem Mondraker Dusty RR zeigt sich, was diese Verschiebung in der Praxis bedeutet – im Guten wie im Schlechten.
Ein Motor, der fast nur aus Software besteht
Klassische E-Bike-Antriebe sitzen im Tretlager, koppeln über ein Getriebe an die Kurbel und erzeugen ihr Fahrgefühl mechanisch. Der X20 macht das Gegenteil. Er sitzt in der Hinterradnabe, wiegt 1,39 Kilogramm und hat keinerlei mechanische Verbindung zum Pedal. Alles, was der Fahrer spürt, entsteht aus Sensordaten und Rechenregeln.
Gemessen werden Drehmoment am Tretlager, Trittfrequenz, Geschwindigkeit und Temperatur. Aus diesen Werten berechnet das Steuergerät, wie viel Strom in den Motor fliesst. Das Ergebnis sind bis zu 275 Watt Spitzenleistung und 23 Newtonmeter direkt an der Nabe.
MAHLE stellt diese 23 Newtonmeter der Wirkung eines Mittelmotors mit rund 55 Newtonmetern gegenüber. Das ist eine Marketingaussage, kein physikalisch gleichwertiger Wert: Ein Mittelmotor wirkt vor der Übersetzung und wird von der Schaltung mitverstärkt, ein Nabenmotor nicht. Wer den Antrieb beurteilen will, sollte deshalb auf die Leistung schauen, nicht auf das Drehmoment.
Was die App tatsächlich verändert
Die MySmartBike-App verbindet sich per Bluetooth mit der Head Unit im Oberrohr. Sie liefert nicht nur Statusanzeigen, sondern greift in die Motorabstimmung ein. Drei Punkte haben sich im Test als relevant erwiesen.
Erstens die Kennlinien. Jede der drei Unterstützungsstufen lässt sich in ihrer Charakteristik verschieben. Wer die mittlere Stufe abflacht, gewinnt spürbar Reichweite, ohne die Spitzenleistung zu verlieren. Zweitens Smart Assist: Das System regelt die Unterstützung selbstständig nach und blendet die Stufenwahl aus. Drittens die Herzfrequenzkopplung – der Motor folgt einem eingestellten Pulsbereich, statt einer festen Stufe.

Diese Herzfrequenzsteuerung ist die interessanteste Funktion und zugleich die unzuverlässigste. Sie setzt einen gekoppelten Brustgurt voraus und reagiert mit spürbarer Verzögerung. Am gleichmässigen Anstieg funktioniert sie gut, im welligen Gelände hängt sie dem Geschehen hinterher.
Firmware-Updates: Fortschritt mit Nebenwirkungen
Ein Antrieb, dessen Verhalten aus Software stammt, verändert sich mit jedem Update. Das ist im Grundsatz ein Vorteil. Das zweite Update im Testzeitraum verbesserte das Anfahrverhalten aus dem Stand deutlich – ein Punkt, den mehrere Testberichte 2023 kritisiert hatten.
Die Kehrseite: Die selbst angepassten Kennlinien mussten nach dem Update erneut gesetzt werden. Und ein Update braucht Zeit, Akkuladung und ein Smartphone in Reichweite. Wer kurz vor einer Tour den Ladestand prüft und stattdessen eine Update-Aufforderung sieht, kennt das Problem vernetzter Hardware aus anderen Bereichen. Ähnliche Abwägungen kennt man aus der Materialtechnik moderner Outdoor-Bekleidung, wo Funktion und Wartungsaufwand ebenfalls zusammenhängen.
Der Vergleich: Nabenmotor gegen Mittelmotor
Der Gewichtsvorteil des X20 ist real und messbar. Ohne Getriebe, ohne Tretlagergehäuse und ohne Kurbelanbindung bleibt der Motor der leichteste in seinem Feld.
Der TQ HPR50 wiegt 1,85 Kilogramm bei 50 Newtonmetern, der Fazua Ride 60 kommt auf 1,98 Kilogramm und 60 Newtonmeter, die Bosch Performance Line SX auf rund 2 Kilogramm mit bis zu 600 Watt Spitzenleistung. Das sind zwischen 460 und 610 Gramm mehr als beim X20 – im Kontext eines 13-Kilogramm-Rades relevant, aber nicht entscheidend.
Entscheidend ist die Charakteristik. Der X20 unterstützt gleichmässig und leise, ohne die Schaltung mitzubelasten. Die Mittelmotoren liefern mehr Reserve am steilen Berg, weil sie über die Übersetzung wirken. Auf Schotterwegen und Radwegen gewinnt der Nabenmotor, auf Rampen jenseits von zwölf Prozent der Mittelmotor.
Vernetztes Rad heisst auch: Daten
Ein Antrieb mit App-Anbindung erzeugt Daten. Streckenprofile, Leistungswerte, Ladezyklen und optional die Herzfrequenz. Ein Teil davon bleibt lokal auf dem Telefon, ein Teil wandert in ein Nutzerkonto beim Hersteller.
Wer solche Daten nicht teilen möchte, kann den Antrieb auch ohne Konto betreiben – dann entfallen allerdings Kennlinien-Anpassung, Firmware-Updates und die Diebstahlsperre. Diese Sperre ist praktisch: Sie blockiert den Motor, bis das gekoppelte Telefon in Reichweite ist. Ein Rad ohne Motorunterstützung ist für Gelegenheitsdiebe deutlich unattraktiver, gestohlen werden kann es trotzdem.
Fazit: ein Antrieb, den man konfigurieren muss
Der MAHLE X20 ist technisch sauber gelöst und im Alltag angenehm unauffällig. Er ist aber kein Antrieb, den man auspackt und vergisst. Wer die App nie öffnet, fährt eine Werkseinstellung, die weder besonders sparsam noch besonders angenehm ist. Wer sich eine halbe Stunde mit den Kennlinien beschäftigt, hat danach ein deutlich besseres Rad.
Für ein E-Gravelbike im Jahr 2024 ist das die richtige Prioritätensetzung: leicht, leise, konfigurierbar – und mit klaren Grenzen, die der Hersteller offener kommunizieren könnte.
Häufige Fragen zum MAHLE X20
Wie viel Leistung hat der MAHLE X20 wirklich?
MAHLE gibt 250 Watt Nenndauerleistung und 275 Watt Spitzenleistung an. In der Praxis addiert der Antrieb je nach Stufe und Fahrerleistung rund 200 bis 250 Watt zum eigenen Tritt. Das reicht, um an mittleren Steigungen deutlich schneller zu sein, ersetzt aber keinen kräftigen Mittelmotor an steilen Rampen.
Braucht man die App zwingend?
Nein, das Rad fährt auch ohne. Ohne App fehlen allerdings die Anpassung der Unterstützungskennlinien, die Firmware-Updates und die Diebstahlsperre. Da genau diese Anpassung im Test den grössten Unterschied bei Reichweite und Fahrgefühl gemacht hat, ist die App faktisch Teil des Produkts.
Funktioniert der Antrieb mit einem Garmin oder Wahoo?
Ja. Der X20 sendet über ANT+ und Bluetooth, dadurch erscheinen Trittfrequenz, Geschwindigkeit und Leistungswerte direkt auf gängigen Radcomputern. Ein zusätzlicher Sensor ist nicht nötig. Der Ladestand des Akkus lässt sich auf vielen Geräten als eigenes Datenfeld einblenden.
Wie lange dauert das Laden des Akkus?
Mit dem 4-Ampere-Ladegerät nennt MAHLE 80 Prozent in weniger als zwei Stunden. Auf unserem Testrad waren es gemessen 1:50 Stunden bis 80 Prozent und 2:40 Stunden bis zur vollen Ladung des 350-Wattstunden-Akkus. Der Range Extender wird separat geladen.
Kann der Nabenmotor rekuperieren?
Nein. Der X20 gewinnt beim Bremsen oder Bergabfahren keine Energie zurück. Rekuperation würde bei einem so leichten System kaum Ertrag bringen und Rollwiderstand erzeugen. Wer Reichweite gewinnen will, erreicht mit angepassten Kennlinien und dem Range Extender deutlich mehr.

