Konstruktionssoftware auswählen: sechs Prüfungen, die vor dem Lizenzkauf zählen

Leiterplatten-Layout auf einem Bildschirm neben einer bestückten Platine

Konstruktionssoftware wird meistens nach Funktionsumfang verglichen. Im Betrieb entscheidet etwas anderes darüber, ob ein Programm trägt. Kommen die Daten wieder heraus? Passen die eingebauten Prüfungen zur eigenen Fertigung? Und öffnet in fünf Jahren noch jemand die Datei? Diese drei Fragen tauchen in keiner Vergleichstabelle auf.

Die folgende Checkliste ordnet die Auswahl in sechs Prüfungen. Sie richtet sich an kleinere Firmen und an alle, die ein Werkzeug für mehrere Jahre festlegen. Zur Grössenordnung: Im Referenzjahr 2024 zählte der Schweizer Sekundärsektor 92 272 Unternehmen mit 1 135 258 Beschäftigten (Quelle: Bundesamt für Statistik, 2026). Die grosse Mehrheit davon ist klein, und dort fehlt die Abteilung, die eine Fehlentscheidung später geradezieht.

Vorab: drei Ebenen, die nicht vermischt werden sollten

Der Elektronikentwurf arbeitet mit Schaltplan, Bauteilbibliothek und Leiterplatten-Layout, kurz ECAD. Die mechanische Konstruktion baut Gehäuse und Baugruppen, kurz MCAD. Die Fertigung wiederum liest weder das eine noch das andere Projektformat, sondern erwartet abgeleitete Daten: Gerber-Dateien samt Bohrdatei für die Platine, ein Volumen- oder Netzformat für das Gehäuse. Ein Werkzeug, das zwei dieser Ebenen abdeckt, ist bequem. Eines, das eine Ebene gut abdeckt und sauber exportiert, ist meist die tragfähigere Wahl.

Wer diese Zuordnung für den eigenen Fall schriftlich hat, kann Programmvergleiche überhaupt erst sinnvoll lesen. Redaktionelle Ratgeberportale wie cadsoft.de arbeiten mit derselben Aufteilung und ordnen Kaufberatungen, Umstiegsanleitungen und Tutorials den einzelnen Bereichen zu, statt eine Rangliste über alles zu legen. Für die Auswahl folgt daraus eine Reihenfolge: erst die Ebene bestimmen, dann die Kandidatenliste.

Die Vermischung dieser Ebenen kostet regelmässig Geld. Ein Team entwirft die Platine im einen Werkzeug, das Gehäuse im anderen, und erst beim Zusammenbau sitzt der Steckerausschnitt zwei Millimeter zu tief. Der Fehler steckt selten in einem der beiden Programme. Er steckt in der fehlenden Verabredung darüber, welches Modell die verbindliche Geometrie führt.

Sechs Prüfpunkte vor dem Lizenzkauf1. Ausgabedaten beim Fertiger getestetGerber, Bohrdatei, Volumenformat2. Regelsatz des DRC angepasstWerte des eigenen Fertigers3. Stoffrecht des Marktes geklärtAnhang 2.18 ChemRRV, je Werkstoff4. Ausstiegsweg notiertLizenz, Export, Lesbarkeit5. Normbezeichnung festgelegtSN EN, DIN EN, ÖVE/ÖNORM EN6. Übergabe ECAD zu MCAD geprüftBauteilhöhen im Gehäusemodelldigitalbrainstorming.ch

1. Prüfen, welche Ausgabedaten die Fertigung wirklich braucht

Unspektakulär, aber aussagekräftig ist dieser Test: ein einfaches Beispielprojekt anlegen, exportieren und die entstandenen Dateien beim gewünschten Fertiger hochladen. Bricht der Datencheck ab, ist die Frage vor dem Lizenzkauf geklärt statt danach. Gerber-Daten übergeben ein Layout Lage für Lage, je eine Datei für Kupfer, Lötstopplack, Bestückungsdruck und Umriss, ergänzt um die Bohrdatei. Fehlt eine Lage, fehlt sie in der Fertigung. Auch bei scheinbar einfachen Erzeugnissen hängt das Ergebnis an der Datei, wie sich an konturgeschnittenen Stickern zeigt: ohne saubere Schnittkontur kein sauberer Schnitt.

2. Den Design Rule Check gegen die eigene Fertigung stellen

Ein Design Rule Check prüft ein Layout automatisch gegen hinterlegte Fertigungs- und Sicherheitsregeln und meldet Verstösse, bevor Daten in die Fertigung gehen. Entscheidend ist dabei weniger, ob ein Programm diese Prüfung anbietet. Es zählt, ob sich die Regelsätze an die Angaben des eigenen Fertigers anpassen lassen. Voreinstellungen aus der Standardinstallation passen selten zu einem konkreten Anbieter.

Bei Netzspannung wird die Sache verbindlich. Die Sicherheitsgrundnorm IEC 60664-1, in Deutschland als DIN EN IEC 60664-1 und VDE 0110-1 geführt, regelt die Isolationskoordination für Betriebsmittel in Niederspannungsanlagen. Ihr Geltungsbereich reicht bis 1000 Volt Wechselspannung oder 1500 Volt Gleichspannung, für Frequenzen bis 30 Kilohertz und für den Einsatz bis 2000 Meter über Meereshöhe (Quelle: DIN Media, 2022). Aus ihr leiten Produktnormen ihre Luft- und Kriechstrecken ab, also den kürzesten Abstand durch die Luft und den kürzesten Weg entlang der Isolierstoffoberfläche. Ein Layoutprogramm, das solche Abstände nicht als Regel kennt, verlagert die Prüfung in den Kopf der entwerfenden Person.

Der Aufwand dafür ist gering. Die Angaben des Fertigers zu minimaler Leiterbahnbreite, minimalem Abstand, Restring und kleinstem Bohrdurchmesser einmal sauber in den Regelsatz eintragen, diesen Satz mit dem Projekt speichern, fertig. Wechselt der Fertiger, wechselt der Regelsatz mit.

3. Das Stoffrecht des eigenen Marktes mitdenken

Die Schweiz hat kein eigenes RoHS-Gesetz. Die Beschränkung steht in Anhang 2.18 der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung. Danach dürfen Elektro- und Elektronikgeräte, Kabel und Ersatzteile nicht in Verkehr gebracht werden, wenn der Massengehalt an Blei im homogenen Werkstoff 0,1 Prozent übersteigt. Für Stoffliste und Gerätekategorien verweist der Anhang auf die EU-Richtlinie 2011/65/EU (Quelle: Anhang 2.18 ChemRRV, SR 814.81, Stand 2026).

Der Zusatz homogener Werkstoff ist der eigentliche Punkt. Gemeint ist ein Material von gleichförmiger Zusammensetzung, das sich nicht mechanisch zerlegen lässt, etwa durch Schrauben, Schneiden oder Schleifen. Der Grenzwert gilt also je Einzelwerkstoff und nicht für das Gerät als Ganzes, was bleifreies Lot auf Leiterplatten erklärt. Dass ein europäischer Rechtsakt Schweizer Firmen erreicht, ohne dort unmittelbar zu gelten, ist kein Einzelfall; derselbe Mechanismus zeigt sich beim EU AI Act und seinen Folgen für Schweizer Unternehmen.

4. Den Ausstiegsweg vor dem Einstieg festlegen

Irgendwann endet jede Software, durch Abkündigung, Preissprung oder Firmenübernahme. Vor der Einführung gehört deshalb notiert, wie die Daten wieder herauskommen und was ohne aktive Lizenz lesbar bleibt. Freie Werkzeuge liefern hier eine Antwort mit. KiCad für Schaltplan und Leiterplatten-Layout steht unter der GNU GPL v3 und läuft auf Windows, Linux und macOS. Die stabile Reihe erschien zuletzt am 22. Juli 2026 als Version 10.0.5 (Quelle: KiCad-Projekt, Stand August 2026). Eine offene Lizenz beseitigt keine Einarbeitung, aber sie nimmt der Frage nach dem Ausstieg die Schärfe.

Zur schlechteren Wahl macht das kommerzielle Programme nicht. Preise und Lizenzbedingungen ändern sich allerdings laufend, weshalb jede Angabe dazu ein Datum braucht und vor dem Kauf beim Anbieter selbst zu prüfen ist.

Zwei Ebenen, zwei AnforderungsprofileKriteriumElektronikentwurf (ECAD)Mechanik (MCAD)AusgabedatenGerber-Satz und BohrdateiVolumen- oder NetzformatAutomatische PrüfungDesign Rule CheckKollisions- und MassprüfungKritische GrösseLuft- und KriechstreckeWandstärke und ToleranzNormbezugIEC 60664-1 (VDE 0110-1)Zeichnungsregeln nach ISOdigitalbrainstorming.ch

5. Die Normbezeichnung des eigenen Marktes kennen

Dieselbe europäische Norm trägt in jedem Land eine andere Hausnummer. In der Schweiz erscheint sie als SN EN, in Deutschland als DIN EN mit VDE-Klassifikation bei elektrotechnischen Normen, in Österreich als ÖVE/ÖNORM EN. Wer in einem Lastenheft nur die nationale Vorsilbe nennt, produziert Rückfragen; wer die ISO- oder IEC-Nummer nennt und die nationale Fassung ergänzt, wird überall verstanden.

Daneben existiert die Welt der Industrienormen. Der Normungsverband IPC führt nach eigener Angabe über 300 aktive, mehrsprachige Industrienormen für nahezu jede Stufe des Elektronik-Produktzyklus. An deren Entwicklung wirken mehr als 3000 Fachleute mit (Quelle: IPC, 2026). Das ist eine Selbstauskunft und kein geprüfter Zählwert. Wer sich auf eine dieser Normen beruft, sollte sie beschaffen und im Wortlaut lesen, statt sich auf Zusammenfassungen zu stützen.

6. Die Übergabe zwischen Elektronik und Mechanik testen

In getrennten Programmen entstehen Platine und Gehäuse fast immer. Zueinander passen müssen sie trotzdem. Von einer Integration zwischen beiden Welten spricht man, wenn sie dieselbe Geometrie austauschen, also die Platine mit ihren Bauteilhöhen im Gehäusemodell erscheint. Ohne diesen Austausch wandert die Kollisionsprüfung auf den Werktisch und wird dort teuer.

Für den Test genügt ein Durchlauf mit einem realen Bauteil: Platine entwerfen, Geometrie exportieren, im Mechanikprogramm einlesen, Höhen und Bohrbilder gegen das Gehäuse prüfen. Was bei diesem Durchlauf hakt, hakt später bei jedem Projekt.

Nützlich ist ausserdem eine feste Verabredung im Team. Führt die Mechanik, richtet sich die Platinenkontur nach dem Gehäuse. Führt die Elektronik, gibt die Platine die Kontur vor. Beides funktioniert, solange die Antwort schriftlich vorliegt und nicht bei jedem Projekt neu ausgehandelt wird.

Häufige Fragen

Was macht ein Design Rule Check genau?

Er vergleicht ein Leiterplatten-Layout mit einem hinterlegten Regelsatz, in dem Werte wie Bahnbreite, Abstand und Bohrdurchmesser stehen. Wo das Layout diese Werte verletzt, gibt er eine Meldung aus, noch bevor die Daten in die Fertigung gehen. Die Werte selbst stammen vom Fertiger und aus den einschlägigen Sicherheitsnormen.

Welche Dateien erwartet ein Leiterplattenhersteller?

In der Regel einen Satz Gerber-Dateien mit je einer Datei für Kupferlagen, Lötstopplack, Bestückungsdruck und Umriss sowie eine Bohrdatei. Manche Anbieter nehmen auch das Projektformat gängiger Programme direkt entgegen. Verbindlich ist immer die Angabe des jeweiligen Fertigers.

Gilt die EU-Stoffbeschränkung in der Schweiz?

Nicht direkt. Die Schweiz regelt die Sache über Anhang 2.18 der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung, verweist darin aber für Stoffliste und Gerätekategorien auf die EU-Richtlinie. Die Grenzwerte stimmen damit überein, die Fundstelle und die Behördenzuständigkeit sind andere.

Ist freie Software für ein Unternehmen tragfähig?

Für den Elektronikentwurf gibt es etablierte freie Programme mit offener Lizenz und regelmässigen Veröffentlichungen. Entscheidend sind Bibliothekspflege, Exportqualität und die Frage, ob im Umfeld jemand mit demselben Werkzeug arbeitet. Kosten und Wartungsaufwand verschieben sich, sie verschwinden nicht.

So lässt sich die Liste in einem Nachmittag abarbeiten

Ein Testprojekt reicht für alle sechs Punkte. Ein reales, kleines Bauteil auswählen und es im Kandidatenprogramm entwerfen. Danach die Fertigungsdaten exportieren, beim Wunschfertiger hochladen, die Geometrie ins Mechanikprogramm übernehmen und den Regelsatz des Design Rule Checks auf die Angaben des Fertigers umstellen. Wer diesen Durchlauf zweimal macht, einmal je Kandidat, hat mehr belastbare Information als aus jeder Funktionsliste. Und das Ergebnis gehört ins Protokoll: welche Formate funktioniert haben, welche Normen für das Produkt gelten und wie die Daten das Programm wieder verlassen.

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